Philanthropie einmal anders – Soziale Investments – eine überlegenswerte Option für die engagierte Unternehmerfamilie

Heft 20 der Schriftenreihe des Instituts

Sich sozial zu engagieren, etwas Gutes zu tun oder – einer populären Formel folgend – etwas zurückzugeben, ist in vielen Unternehmerfamilien eine Selbstverständlichkeit. Neben die traditionellen Formen philanthropischen Engagements von Unternehmerfamilien ist ein neues Konzept getreten, das wohltätiges und unternehmerisches Handeln näher zueinander bringt. Drei Beiträge liefern Anregungen, wie eine Unternehmerfamilie ihr Engagement ergänzen und vielfältiger gestalten kann.


Leseprobe

Einführung
Kirsten Baus

Sich sozial zu engagieren, etwas Gutes zu tun oder – einer populären Formel folgend – etwas zurückzugeben, ist in vielen Unternehmerfamilien eine Selbstverständlichkeit – ob durch Spenden für wohltätige Zwecke, Kunst und Wissenschaft oder in institutionalisierter Form durch die Gründung einer Stiftung, gar nicht so selten sogar mehrerer.

Unternehmerfamilie und Stiftung und Philanthropisches Engagement lauteten denn auch die Titel zweier Hefte dieser Schriftenreihe, die das Thema in unterschiedlicher Weise behandelten. Das liegt mittlerweile viele Jahre zurück; Grund genug also, den Blick auf eine Entwicklung zu richten, die sich schon seit der Jahrtausendwende abzeichnete, in der Zwischenzeit aber erheblich an Bedeutung gewonnen hat. Es geht um soziale Investments, also das, was in der aktuellen Diskussion unter diesem Stichwort oder dem Themenkreis Sozialunternehmen, Venture und Active Philanthropy oder engagierte Philanthropie behandelt wird.

Etwas Gutes zu tun, ist – das haben viele Unternehmerfamilien herausfinden müssen – gar nicht so einfach. Die Bereitschaft, Probleme anzugehen und guter Wille allein reichen nicht, ebenso wenig ein üppiges Budget. Denn viel hilft nicht immer viel: In Projekten können selbst beträchtliche Geldtransfers wirkungslos verschwinden. Aus Sicht eines Unternehmers ist das natürlich absolut unbefriedigend und genau das Gegenteil von dem, was ein Unternehmen erfolgreich macht. Auch dort geht es ja darum, aus wenig möglichst viel zu machen. Der Schlüssel dazu ist das Know-how – in erheblichem Umfang sind Methoden und Verfahren, wie sie in einem gut geführten Unternehmen gang und gäbe sind, auf den Wohltätig-keitssektor übertragbar.

Philanthropisches Engagement müsste besser funktionieren, wenn an die Stelle guter Absichten eine gute Analyse und ein gutes Management träte, fähige Leute mit Initiative und Kenntnis der sachlichen und örtlichen Zustände die Sache in die Hand nähmen – ungefähr das waren die Überlegungen von Unternehmern, die in den USA der 1990er Jahre zu Reichtum gekommen waren. Was sie erfolgreich gemacht hatte, müsste doch auch im Wohltätigkeitssektor möglich sein, in dem es damals (und heute noch immer) an Transparenz und Effizienz fehlte. Gemeinnützige Organisationen und Sozialunternehmen anders zu unterstützen, nicht nur finanziell, sondern durch Know-how, sachkundige Organisationen zwischen Spendern und Empfängern, die Evaluation betreiben und wissen, worauf es ankommt, durch bewährte Instrumente wie Planung und Leistungsmessung, durch Vermittlung von Kontakten etc. hat diesen Ansatz erfolgreich werden lassen. Und das ist er – keine Frage.

In Unternehmerfamilien werden soziale Investments dieser Art allerdings unterschiedlich beurteilt. Während die Jüngeren eine Öffnung des philanthropischen Engagements befürworten, sind die Älteren skeptisch. Mit diesem Heft möchte ich ein Plädoyer für soziale Investments, für Venture Philanthropy abgeben – nicht um bewährte Formen des philanthropischen Engagements von Unternehmerfamilien für überholt zu erklären, sondern mein Ziel ist es, zum Nachdenken anzuregen, unternehmerisches und wohltätiges Handeln, die sonst gänzlich verschiedenen Sphären anzugehören scheinen, näher zueinander zu bringen.

Zu diesem Zweck habe ich mich sehr sachkundiger Unterstützung versichert: Eine der bekanntesten Expertinnen – auch im Bereich sozialer Investments –, Ann-Kristin Achleitner, Professorin an der TU München, eröffnet das Heft mit einem Beitrag über den sozialen Kapitalmarkt, den sie gemeinsam mit ihrem Mitarbeiter Wolfgang Spiess-Knafl verfasst hat. Ein Team des im deutschen Sprachraum wegweisenden Wagniskapitalfonds BonVenture mit dem Geschäftsführer Erwin Stahl und den Investment-Managerinnen Claudia Heister und Dorothee Vogt stellt ihr Unternehmen und seine Aktivitäten vor. Felix Oldenburg, der Hauptgeschäftsführer von Ashoka Deutschland, schließlich zeigt, wie seine Organisation, eine der international und durch die Kooperation mit McKinsey bekanntesten, Projekte und Akteure auswählt. Allen Autoren möchte ich an dieser Stelle herzlich danken.


Stuttgart, im Juni 2013



Der soziale Kapitalmarkt
Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner
Dr. Wolfgang Spiess-Knafl

Einführung

Rock Your Life verbessert die Bildungschancen von Jugendlichen aus sozial benachteiligten Verhältnissen, indem sie von Studenten in zweijährigen Coaching-Beziehungen in Ausbildungsberufe begleitet werden. mothers2mothers arbeitet mit HIV-infizierten Müttern, um die Ansteckungsrisiken für deren Kinder zu reduzieren. Dialog im Dunkeln ändert das Bild sehender Menschen, indem sie von blinden Personen durch abgedunkelte Ausstellungsräume geführt werden. Driptech reduziert Armut und optimiert den Wasserverbrauch durch die Entwicklung und den Vertrieb hochwertiger Bewässerungsanlagen für Kleinbauern.
Die vier genannten Beispiele zeigen, dass Sozialunternehmen auf soziale, wirtschaftliche oder auch ökologische Heraus-forderungen reagieren und durch ihre Arbeit Randgruppen inkludieren, Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen oder Menschen zur Selbsthilfe befähigen. Die vier genannten Beispiele illustrieren außerdem die Spannbreite sozialunternehmerischer Geschäftsmodelle, deren finanzielle Basis kommerzieller oder philanthropischer Natur sein kann.

Einkommensströme

Die finanzielle Basis sind die Einkommensströme, auf die ein Sozialunternehmen zurückgreifen kann. Was bei traditionellen profitorientierten Unternehmen der Umsatz durch den Verkauf von Produkten oder Dienstleistungen ist, hat bei Sozialunternehmen unterschiedliche Ausprägungen. Sozialunternehmen beziehen nämlich unterschiedliche Einkommen von öffentlichen und privaten Quellen.
Von der öffentlichen Hand kommen Leistungsentgelte oder Zuschüsse. Leistungsentgelte werden von der öffentlichen Hand bezahlt und richten sich nach der erbrachten Leistung. Beispiele sind Obdachlosenheime, Altenheime oder Rettungs-dienste. Zuschüsse werden von der öffentlichen Hand für Projekte gewährt. Dabei werden etwa Investitionen bezuschusst oder ein Teil eines Projektes finanziert.
Von privaten Quellen kommen Umsätze, Sponsoringbeiträge, Mitgliedsbeiträge oder auch Sonderformen wie zugewiesene Strafzahlungen, Einkommen aus stiftungsähnlichem Kapital oder Sachzuwendungen. Umsätze können beispielsweise durch den Verkauf von Produkten oder sozialen Dienstleistungen generiert werden. Dabei ist es denkbar, dass nicht nur Personen der Zielgruppe, sondern auch indirekt begünstigte Dritte die Kosten der Dienstleistung übernehmen. Mitgliedsbeiträge sind dann eine attraktive Einkommensquelle, wenn eine Gruppe definiert werden kann, die ein Interesse an der Erbringung dieser Dienstleistung hat. Beispiele sind etwa Interessensvertretungen, aber auch Kunst- und Sport-initiativen. …